Dr. Martin Mühl - Angewandte Philosophie

Ich

Ich bin ich. Was gibt es dazu sonst noch zu sagen? Wer oder was ich wirklich bin, das weiß ohnehin nur ich. Also kann ich es auch nicht wirklich erklären, letztlich nur fühlen. Jeder Mensch ist eben so, wie er ist, und ich bin ich.

Woher weiß ich, wer oder was ich bin? Was eine Frage, natürlich von mir. So möchten wir sagen und versprühen damit doch nur Nebel, in dem wir uns nun selbst zu verlieren drohen. Denn was soll es heißen, ich weiß von mir, wer oder was ich bin?

Sei du selbst, sei dein Ich! So raten uns einige psychologische Ratgeber. Erst sollen wir zu uns selbst kommen, bevor wir Erwartungen an andere stellen. Denn erst dann könnten wir auch mit den anderen etwas anfangen. Aber wie finden wir zu uns selbst?

Wer oder was wir sind, das fühlen wir – so scheint es uns, wenn wir verstummen, um nachzuspüren. Denn worauf beziehen wir uns sonst, wenn wir uns auf uns berufen? Auf unsere Handlungen? Auf, was wir gesagt haben? Ich bin mir dessen, was ich tue und sage, doch sicher, weil ich mein Tun doch spüre – so scheint es. Sicher sind wir selbstsicher nicht ohne Gefühl. Aber wissen wir damit auch, was wir fühlen und wessen wir uns sicher sind?

Ein Ich gibt es nur im Zusammenhang mit einem Du und mit den anderen Personalpronomina. Wir bilden uns zum Ich nur zusammen mit ihnen, weil wir uns nur zusammen mit ihnen von ihnen unterscheiden. Denn ich bin ich nur im Unterschied zu dir und zu ihr und ihm und euch und ihnen. Und das auch nur, sofern sie alle das zumindest in den meisten Fällen anerkennen. Selbst etwas zu tun oder zu haben, ist eine Unterscheidung, nämlich die von dem, was andere tun oder haben – ein Anspruch, der, um stabil zu bestehen, Anerkennung von anderen braucht.

Ich komme zu mir durch andere, nicht durch Isolation. Auch ein besonders anhaltend, intensiv oder energisch gedachtes Ich hilft nicht. Ich werde ich durch Auseinandersetzung im Zusammenleben. Ich mache mit, dadurch gehöre ich dazu. Aber soweit ich dazu gehöre, kann ich mich auch den anderen verständlich machen und mich in manchem gegen sie absetzen, auch durchsetzen. Das ist genau so wichtig, aber es wird mir erst durch andere möglich.

Natürlich kann ich das bestreiten und mich dafür auf mich berufen. Dann aber nur mit den Mitteln, die für die Äußerung meines Anliegens mir gemeinsam mit den anderen zur Verfügung stehen. Sonst verstehen sie nicht, was ich will, nicht einmal, dass ich etwas will. Diese gemeinsamen Mittel sind nicht die Gefühle, sondern die Sprache.

Und meine Gefühle? Sie machen mich nicht zum Ich, auch wenn sie unbedingt zu mir gehören. Ohne Gefühl wird das Ich kein Ich. Es bleibt leer, fühlt nichts. Die persönlichen Wörter haben keine persönlichen Konsequenzen. Sie berühren nicht und bewegen nichts.